Samstag, 4. Februar 2012

reimfreie Zone

ich fühl mich früh
ich fühl mich Frühling
bei minus fünfzehn Grad
am Bahnsteig auf Gleis vier
scheint mir die Sonne vom Himmel
strahlt mir Dein Lachen heiss ins Herz

ein alter Reim darauf ist: Schmerz
aber erstens
reimt sich das Leben eher selten
und viertens:
was mir grad weh tut ist mein Kopf
den hab ich mir letzte Nacht zerbrochen
im Dezember droht schliesslich
ein Weltuntergang
oder war's ganz einfach ein Bier zuviel---

zwei Aspirin jetzt und ein Kaffee in eisiger Kälte
die Finger fast blau und der Zug hat Verspätung
aber die Sonne wirft Frühling und Flammen:
Dein Lachen bis unter die Haut

und während zwei Meter weiter eine alte Frau
über einen Metallmülleimer gebeugt
nach Pfandflaschen kramt

brennt am Bahnhof auf Gleis vier
ganz lichterloh ein Menschentier

und macht sich
keinen Reim

Mittwoch, 11. Januar 2012

südliche Mitte

ich bin ein Mensch,
sagt Paula,
also viel zu klein
für die ganz grosse Liebe-
Sehnen und Sucht gieren weiter
gotteslüstern, schmecken
nach bitteren Mandeln
und riechen
wie ein fremdes Land

Mittwoch, 4. Januar 2012

galaktischer Bummel

wir schlüpfen unter die
NachthimmelDecke
mit Sternen bestückt
der Mond sichelt silbern
wir brauchen Myriarden Jahre
um einmal durch die Milchstrasse
zu bummeln

bis morgen früh
schaffen wir das
und am Ende der Nacht
wenn ich will
werd ich dich wecken
mit Kaffee, Kuss und einer
Melodie, die ohne Worte
jeden Tod aus dem Hirn singt

Montag, 12. Dezember 2011

fruchte mich

ach du
ich bin des Kreisens ganz müde
des dunklen Kreisens hinter meiner Stirn
stecke fest in Windungen
Falten und Furchen und
nirgendwo ein Fenster
ach du
komm küss mir
dein Herz in den Schlund
jeder Schlag eine fröhliche Faust
die wird mich frisch bepulsen
ach du
steck mir die Zunge tief
in die graue Substanz
bring Aufruhr in meine Synapsen
komm fruchte mich mit Sonnenlach
ach du
ich bin des Kreisens so müde


(ein Text aus 2008, jetzt wieder aus dem Netz gefischt vom Verlag Rote Zahlen

Mittwoch, 30. November 2011

Oh du fröhlicher Kneipenchor...

(kleine HeiligAbend-Szene mit 4 Freunden,
munterer Musik und einem Gastauftritt der Muppets)

- Skizze -

um den Esstisch sitzen satt und guter Dinge
Anna, Gülisan, Achim und Simon
hocken vor den Resten ihres Mahls:
eine mediterrane Kartoffelsalatvariante und
Wiener Würstchen
Rinderköfte und Bulgursalat mit Minze /
Vogelmilch Konfekt Geschmacksrichtung Vanille
Bratäpfel und
Waldmeister-Wackelpudding auf Vodkabasis
als koscheres Dessert

dazwischen Gläser Tassen Flaschen
Wein und Bier und Mocca
eine Shisha eine Bong sie hören
'Ihr Kinderlein kommet' von den Toten Hosen
„oh kommet doch all / und seht was in dieser
hochheiligen Nacht
das Gras aus Jamaika für Freude uns macht“
am Ende des Liedes wirft Anna ihren Blick
Richtung Zimmerdecke und sagt:
lieber Christengott, für den Fall, dass es Dich gibt
möcht ich Dich jetzt freundlich bitten:
vergib den Menschen

ihre Weihnachtsfeiern. und erlöse sie von allen Übeln
speziell von dem der Banker und Nazis, grinst Achim
Simon sagt:
schlagt ihm lieber vor, diesen Planeten zu erlösen,
vom Übel der Menschkreatur
ach die Menschheit, meint Anna, dauert eh
nicht mehr ewig, ist nur ein winziger Ausrutscher
in der Entropie des Universums.
Ausrutsch und Wegflutsch. nicht weiter wichtig

sie lachen und Gülisan sagt: chapeaux!
jetzt lasst uns froh und munter sein
und lieb zu den Menschen, dann klappts auch
besser mit dem
Weltfrieden, amin / während sie den Rest
des Wackelpuddings vernaschen
reden sie gutgelauntes Zeug, dann ziehn sie los
durch die Strassen, zur Stammkneipe /
die alljährliche HeiligAbendParty
beliebtes Motto-Event neben Indie-Nächten,
Poetry Slams und Retro-Feten

sie feiern dort weiter in fröhlicher Runde
verschwenden sinnvoll ihr Weihnachtsgeld
und bescheren sich mit Lachgeschenken

irgendwann läuft auf dem Flatscreen ein Video
von den Muppets
sie singen den Jingle Bell Rock / und die ganze Kneipe stimmt ein:
„kriegt auch das Christkind dabei einen Schock-
JINGLE AROUND THE CLOCK!"
... nach dem ersten Schreck tanzt es dann doch

Gülesin tanzt schon lange
mit ihrem Kollegen aus der Pathologie
Achim erinnert Simon daran, dass der singende
Muppet Dr. Goldzahn auch diese verdammt
feine Maschine erfunden hat
die pures Gold in Hüttenkäse verwandelt
und Simon sagt: Ich könnt jetzt glatt schon wieder
was essen / Anna war kurz auf dem Klo
hat an Miss Piggy gedacht und etwas verspätet
fiel ihr ein frommer Weihnachtwunsch ein
den schreibt sie jetzt lächelnd
mit schwarzem Kajal auf den Spiegel:

liebes Christkind,
lass mich wenigstens einmal im Leben
als Schwein durchs Weltall schweben

LG Deine Anna

Samstag, 22. Oktober 2011

Novemberlust

die Lichter der Lampen im Stadtpark
tanzen blass auf schmutzigen Nebeltröpfchen
braune Baumskelette stecken tief
im laubigen Matsch der frühen Morgenkälte

aus dem Schweigen dieser Gerippe fallen plötzlich
hundert Raben Richtung Himmel
zerreissen die Luft mit hartem Geschrei
tragen auf schwarzen Flügeln
den drohenden Tod in die Welt

ich rieche mein Sterben
und atme das Lächeln meines Engels
der mir mit seiner Honigzunge
eine warme Sonne ins Herz küsst
dass mir der Frühling lacht in Winternächten

und hundert Raben werden meine Freunde
begleiten mich mit weichem Gekreisch
auf dem Weg ins ewige Etwas

(1. Entwurf)

Sonntag, 18. September 2011

Positivblitz

der Abendhimmel gelblichgrau, drunter bläulichdunkel
Zerrissenheiten schnell + Wind + Wind + Wolkenfetzen
durch die Bäume lautes Rauschen,
kein Vogel singt / die Vögel
schweigen

ich aber
schrei zum Wettergott
auf der Wiese vorm Haus
der Himmel heult mich nass + grollt mir donnernd um den Schädel
wild wild wilder will ich Wetter,
Sturmpeitsche + Regensturz: flute meine Keller,
ertränk die Leichen, die da liegen,
spühl den Moder hoch + raus
weh die Verwesung aus dem Gemäuer
schlag mir Positivblitze ins Hirn + mach mir den Geist hell

der Wettergott schickt helles Zucken
Blitze krachen

keiner schlägt ein
auch sonst geschieht mein Wille nicht

leg mich rücklings auf die Wiese, lass mich vom Gewitter küssen + grabe mit den Fingernägeln Grasbüschel aus

später lieg ich im wohligen Bett
frischgekühlt + klargeregnet
vier Stockwerke über meinen dunklen Kellern
und ich denk: was wärn die auch schon ohne Leichen
wie ein Erdgeschoss ohne klopfende Herzen
ein Dachstuhl ohne Fledermäuse

mit Mondscheinlächeln auf dem Gesicht
folg ich dem lieblichen Lockruf des Traumes
der mich erlösen wird von mir + der Welt + den Hinterhofratten

ein paar Stunden, dann bin ich wieder der komische Vogel
der den frühen Wurm frisst
+ gutgelaunt in den Tagesaufgang zwitschert

Dienstag, 13. September 2011

früh noch dunkel

Werde wach und stelle beim ersten Kaffee fest: Ich lebe! Nouveau jour, nouveau jeu, nouvelle chance.
Der Rest ergibt sich. So oder so.

Sonntag, 31. Juli 2011

Allergischer Schock [Vater nicht unser!]

besudelt war das Kind seit Geburt
mit den geerbten Sünden
des teuflischen Vaters
(Vater nicht unser!)
das steckt in der Genetik
und ein Apfel fällt nicht weit
so sagt man
vom Stamm
so brachten sie das besudelte Kind
in einen Waschsalon
doch auch nach zehn Gängen
bei neunzig Grad in der Maschine
war das Kind nicht reingewaschen
immer noch Flecken,
so sagte die Mutter
trotzdem dankten sie am Ende:
für die Erlösung vom Bösen
die Sünden des teuflischen Vaters
(Vater nicht unser!)
zwar liess das Kind sich nicht säubern
doch wegen einer Waschmittelunverträglichkeit
war es an den Folgen des allergischen Schocks
recht bald gestorben

Freitag, 22. Juli 2011

Kolik

auf Twitter:

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ProvinzPartyTalk

facebook-posting, gestern:

facebook_posting1

Donnerstag, 16. Juni 2011

Sommerlicht und Honigbrot [some junkie poem]

es war einmal!
ist lang schon her

wir nährten uns
von Sommerlicht und Honigbrot
tranken unser Leuchten mit Gier
öffneten die Venen unter der Haut
süssgolden durchgiftet
waren wir grösser als alle Götter
tanzten durch Milchstrassen
Richtung unendlich
schrieben heilige Küsse ins Universum
unserer künstlichen Paradiese

Sommerlicht und Honigbrot
durchgiftet süss und golden
und niemals wirklich satt
fand man uns nach Jahrmillionen:
zwei Ratten, das stumpfe Fell
schon lang nicht mehr geputzt
wir hatten unsere Kinder gefressen
und einen letzten Kuss
in den Rinnstein gekotzt

es war einmal!
ist lang schon her
und weil wir nicht gestorben sind
bluten wir heut noch dann und wann
einen Hunger in den Himmel
nach Sommerlicht und Honigbrot
wir stillen diese Gier
lächelnd mit Erinnerung
durchrauschen uns mit Küssen
die grösser sind als alle Götter
und tiefer gehn als Ewigkeit

Dienstag, 7. Juni 2011

frühstück im paralleluniversum

früh ganz früh der tag noch
grau & vögel singen einen
traum von heiterem leicht
befreien das hirn aus dem
stickicht wiederkehrender idiotismen
frisch so frisch ein wind geht ins zimmer
& ein lauter lastkraftwagen erstickt
in der frühsüssen zwitscherei
während irgendwo in wäldern
eine wölfin mein herzblut
in den himmel heult
fängt mich ein gedanke
an dich, der schliesst mir die augen
& schickt mich mit lächeln
in ein schönes paralleluniversum

Montag, 11. April 2011

Tanz den Fukushima-Frühling!

am himmelhellen Mittagsblau
lacht ein weissgelber Ball

der strahlt wie Fukushima
bald wird uns der Pazifik beschenken
mit dreiköpfigen Riesenfischen
die liegen dann bratfertig filetiert
im Tiefkühlfach bei Aldi: günstige Delikatesse
für Hungerlöhner und Hartz-Empfänger

hör die Vögel,
sagst du mir,
hör doch die Vögel im Garten:
die haben noch ihre Lieder

bald werden uns auch die Frauen beschenken
die Fukushima-Frauen werden Freaks gebären
siamesische Zwillinge mit vier Köpfen oder
fünf Köpfe ohne Körper, bloss loses Gedärm

die Show geht weiter und Deutschland
sucht den Super-Freak

komm' lass uns tanzen,
sagst du mir,
draussen im Garten:
die Vögel singen so fröhliche Lieder

dann barfuss
auf unsrer bunten Blumenwiese
kussbetrunken tanzversunken
direkt unter einem Ozonloch
bis unsre Häute Blasen werfen

komm lass uns kühlen,
sagst du mir,
und wir springen in den Gartenteich
und schlucken und spucken
kein Wasser aber
das Kriegsblut aller Herren Länder
und glitschen am Grund mit unsren Füssen
durch modrige Kollateralschäden

komm in die Küche,
sagst du,
da herrscht noch Frieden bei null Millisievert
wir stolpern durch die Untergänge ins Haus
und sitzen bei Kaffee und Kuchen

bis am himmeldunklen Abendblau
ein silbriger Ball milde lächelt

und wenn die Vögel nächtens schweigen
hör ich in der Stille meiner schlaflosen Stunden
den dröhnenden Donnergalopp
der apokalyptischen Reiter

und wenn die Vögel nächtens schweigen,
sagst du mir,
hör ich das leise Lied deines Atmens
und alles ist gut
und erst dann,
wenn die Vögel für immer nie mehr singen
will ich mit dir beim letzten Pogo
auf eine Tretmine springen

hör die Lieder dieser Nacht,
sag ich dir,
hör doch die rauschvollen Thekenlieder:
komm lass uns trinken gehn
im Vergessen werden wir glücklich sein
bis morgen früh die Sonne wieder lacht

ja, sagst du mir,
lass uns ganz kräftig trinken gehn
im Vergessen werden wir glücklich sein
und morgen früh im Sonnenschein
werden wir mit den Vögeln
fröhliche Kampflieder singen

Donnerstag, 17. März 2011

Ausstieg in Fahrtrichtung links

Landschaft zieht am Blick vorbei
ein rosa Wolkenvogel schwingt sich weich
in den sonnigen Aufgang des Tages
entfliegt dem frühen Weiss
das dick um schwarze Bäume wabert
blattlose Äste
strecken sich Richtung Himmel

und ich würd so gern
dem Wolkenvogel folgen-
der fliegt hinter geschlossenen Lidern
leichter Traum und weltentrückt

und viel zu kurz-
eine Stimme zerrt mich
zurück in die Regionalbahn
"Nächster Halt: Soest.
Ausstieg in Fahrtrichtung links."

ein drängelnder Rotzer rempelt mich
mit seinem Rucksack

dann auf dem Bahnsteig
geh ich direkt zum Gleis gegenüber

gleich fährt ein Zug
zurück

einmal noch heut morgen
dem rosa Wolkenvogel folgen
irgendwo zwischen Borgeln und Welver
im dicken Nebel schlummern
irgendwo zwischen Hamm und Soest
sekundensüss verloren gehn

bis aus der Traum und Ausstieg
in Fahrtrichtung links

In Dope I Trust

heut war mir mal wieder
mein Teufel auf der Spur
folgte mir in den Supermarkt
ermächtigte sich meiner
und liess meine zittrigen Finger
nach einem Marzipanbrot greifen
mit Nougatfüllung
das ass ich weltentrückt
mit grossem Genuss
noch bevor es
an der Kasse bezahlt war

mein Teufel freute sich
und rechtfertigte mir ins Ohr:
ach schau Dir die Welt an,
schau sie Dir an!
diese apokalyptischen Zeiten
brauchen sporadisch Versüssung
ein schöner Rausch hier oder da,
eine Erhebung, ein Vergessen!

dann liess mich
mein Teufel wieder frei
und sagte fröhlich:
In Dope I Trust! wir sehn uns-

als ich nach Hause kam
stand mein Engel im Gewächshaus
und wässerte die Pflanzenpracht

anderswie & sonstnochso

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Das Literaturarchiv Marbach archiviert dieses digitale Notizbuch als ausgewählte Online-Publikation. Ziel des Projekts im Verbund mit der Dt. Schillergesellschaft ist es, der Wissenschaft relevante Netzliteratur langfristig zur Verfügung zu stellen.

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monehartman - 6. Mai, 14:13

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Kommentare

manchmal denk ich doch,...
manchmal denk ich doch, ja ;-)
notiertes - 19. Sep, 13:04
Dein Text erinnert mich...
Dein Text erinnert mich an meine Kindheit- auch ich...
bonanzaMARGOT - 7. Aug, 17:57
bitte entschuldigen Sie...
bitte entschuldigen Sie meine späte Reaktion- gesundheitsbedingt...
notiertes - 7. Aug, 17:50
:-)
:-)
abendGLUECK - 25. Feb, 10:45
jo. sehr sauber ;-) danke...
jo. sehr sauber ;-) danke fürs lesen und liebe grüsse!
notiertes - 27. Feb, 10:35

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