Donnerstag, 17. Februar 2011

papaver somniferum

eine alte Lady sitzt im Lehnstuhl
trinkt eine Tasse Tee

raucht eine Pfeife und flieht aus
diesem schmutzigen Winterabend

träumt sich in süssen MaienMittag

zirrende Herrlichkeiten, harmlos weiss
in der azurblauen HochObenWelt

das limbische System
strahlt sonnenhell in dunkle Höhlen

wo dann bunte Lieder wachsen
bis hin zu satten Blumenwiesen

da tanzt sie, die alte Lady
im Rhythmus des Erdschlags

lacht ihren Liebsten herbei
der vor Jahren schon gestorben

seine Augen sind blau sind ihr Himmel
sein Kuss ist Milch ist Honig

und lächelnd
sitzt die alte Lady im Lehnstuhl

die letzte Pfütze Tee in der Tasse
ist so kalt geworden

wie die Asche im Pfeifenkopf
und schmutzignass der Winterabend

wenn das jetzt mein letzter Tanz war,
denkt sie, mein letzter Kuss, mein letzter Traum?

seine Augen sind blau sind
ihr Himmel
das wird schön dort, denkt sie

eine warme Ruhe drückt sie
tief in den Lehnstuhl

die alte Lady lächelt

fröhlich flattern blaue Bänder
und ewig tanzen die Toten

im süssen Klee des MaienMittags

Samstag, 5. Februar 2011

Liebesgeschwür am 14. Februar

viel hab ich Dir bis jetzt
noch nicht versprochen
und werd mich immer
vor dem Rosengarten hüten

aber heute, mein Engel
am Tag der Liebenden
da schwör ich Dir mit Siegelkuss:

der Tag, an dem Du mich verlässt
ist der Tag, an dem ich Dich
töten muss

ohne mich
soll Dir
kein Leben sein

beblüme mich blau! [Ultimatum zum Valentinstag]

den heutigen Tag
schlag ich Dir um die Ohren, mein Schatz
mit einem Kissen in Herzform
aus Kuschelplüsch

der silberne Ring
mit Liebesgravur
landet laut beim Altmetall

ich fress die roten Köpfe
der Rosen und zieh Dir dann
die dornigen Stiele
durchs Gesicht

Du solltest mich kennen:
Standard hab ich noch nie
wirklich gerne getanzt

also entweder jetzt Pogo
oder wir setzen uns erstmal
an den Tisch, den Du gedeckt
mit Kerzen Kitsch und Kram

- das Essen, Liebster,
ist nicht schlecht,

und wenn Du mir bis Mitternacht
eine blaue Blume aufs Kopfkissen legst
träum ich mich gerne
weiter durchs Leben mit Dir

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Winterwunderland

ein Wintertag
reinweiss gezuckert
und schallgedämpft
der Dreck ist weg
im Flockenversteck
die Stadt liegt hell
in prächtiger Unschuld
Schritte knirschen
im Schnee
zwei Kinder werfen sich
weisse Bälle an die Köpfe
und lachen, während
ein Mann auf einer Bank sitzt, regungslos
dick eingeschneit
unter der eisigen Kruste
ist sein Kornblut
ganz blau erfroren
der Tod ist weg
im Flockenversteck
und ein Rabe schreit
als hätte er Nietzsche gelesen

Freitag, 26. November 2010

Böller statt Brot [Bösliches zur Adventszeit]

sie zieht das Christkind an den Haaren herbei
schleift es am Blondschopf über den Boden
bis vor die grosse Yuccapalme
da liegt es dann und lächelt lieb

Ihr Kinderlein kommet! -sie ruft ihre Söhne:
nun seht was in dieser hochheiligen Nacht
die Mama die Mama mit Lieblächlern macht

sie tritt dem Christkind in die Magengrube
bis es Blut spuckt; tunkt ein Brot ins helle Rot
und reicht es den Söhnen zum Verzehr

die Kinder kauen widerwillig mit verzogenen Mäulern
spucken den blutigen Brotbrei dem Christkind ins Gesicht
und rufen: Wir wolln Böller statt Brot! Böller statt Brot!

niemals Frieden, lacht die Mutter, keine Gnade!
und geht mit den Söhnen in den Bastelkeller
dort bauen sie Brandbomben für die Silvesternacht

das Christkind hat die Wohnung schwebend verlassen
hinterlässt eine Tränenspur aus funkelndem Sternenstaub
und als ein Unfall im Bastelkeller das Haus in Flammen
lichterlodern lässt, da lächelt es wieder


**suche noch nach ner besseren Überschrift**

Mittwoch, 6. Oktober 2010

kopflose Kastanienmännchen [die gelangweilte Katze]

der Oktober
fällt mir golden in den Schoss
und mein Herz trägt Honigfarbe
den Frost des frischen Tages
atme ich lächelnd warm und
in der blassgelben Sonne des Mittags
lieg ich rücklings, Augen zu
auf einem Bett aus buntem Laub
riech die Erde ganz nah
und in der Ferne schon den Moder
rote Trauben süssen mir
die frühe Dämmerung
und während nun die Dichter wieder
melancholisch die Vergänglichkeit verdichten
mach ich Zündhölzer
zu dünnen Beinen
für leuchtende Kastanienbäuche
die Wesen stehn dann kopflos
auf dem Fensterbrett und erregen
keineswegs die Neugier der Katze,
die daneben sitzt und ihr Maul
in grosses Gähnen reisst

Samstag, 2. Oktober 2010

Kafka beim Kacken - Webcontest

Miss Book Fair 2010 - ein spaßangetriebener Webcontest am Rande der aktuellen Frankfurter Buchmesse- und so rein aus Spaß hab ich mal mitgemacht. Hier meine "Bewerbung":

Liebe Menschen, seid gegrüßt!

Bei mir zu Haus ist jedes Zimmer von Büchern bevölkert, ich verteil sie überall, auf meinem Klo kann man beim Kacken Kafka lesen- und wenn nicht das, was dann zum Teufel qualifiziert mich für die Miss Book Fair 2010?!
Ok, ich mach auch sonst noch was mit Büchern- hab mich trotz Arbeit als IT-Spezialistin nicht vollständig in der Welt der Datenbanken vergraben: Ich kaufe, leihe, lese Bücher, verschenke und verleihe sie. Ich hör sie und ich les draus vor. -
Notizbücher schlepp ich ständig mit mir rum und schreib sie voll, zuweilen werden Texte draus. Abends auf der Couch das Notebook, elektronischer Gefährte. Grad hab ich ein eBook gemacht, Liebeslyrik: „Mein Engel hat Lungenflügel“- na wer weiss, vielleicht sollte ich deshalb den Contest gewinnen, weil in meinen Liebestexten nicht Schmalz, sondern Hundescheisse vorkommt, daneben auch eine sturztrunkene Treppenrunterfallerin sowie zwei Gärtner, die auf dem Friedhof tanzen. Ganz abgesehen von den Magellanschen Wolken.-
Und ich hab die Welt der Lektoren und ihrer Praktikanten schon oft bewahrt vor noch mehr unverlangt eingesandtem... Schrott: Ungezählte angefangene Romanprojekte im Embryonalstadium als nicht lebensfähig erkannt und abgetrieben, in die Tonne gekloppt. Finde das durchaus löblich und ehrenswert. Und unverzagt werke ich an einem frischen Projekt, ein Kurzroman, der gedeiht ganz gut bislang: Und von Träumen kann man ja leben, bis man stirbt ;-))
Kurz und gut: Die Sache mit dem Kafka aufm Klo, die scheint mir preisverdächtig zu sein... aber wer weiss das schon. Der Himmel vielleicht.-
Bleibt noch, mit freundlichen Grüssen zu verbleiben, Ihr lieben Menschen! Und schaut gerne mal bei mir im Netz vorbei, ich freu mich: http://mone-hartman.de

Sonntag, 29. August 2010

durchfriedet

keine ahnung
welcher film in mir ablaufen wird
wenn ich in den letzten zügen atme
mein leben in sekundenschnelle
revue passieren seh
keine ahnung
welche bilder sich dann zeigen

eins aber weiss ich:
deine augen
werden dabeisein
deren blicke mich
so hell und warm gemacht
und gerettet haben
vor dem erfrierungstod
dein mund
wird dabeisein
der mir leben gelächelt

am ende des tunnels
der mich in den tod bringt
werden alle dir mir im herzen wohnten
sie alle werden mein weisses licht sein
dem ich entgegen leicht und silbrig
dann ganz am ende
in der letzten mikrosekunde
werden deine augen
mir ein letztes mal strahlen
heller als die magellanschen wolken
ein licht in das ich endlich falle
glücklich und durchfriedet

Samstag, 14. August 2010

wir sind gärtner [liebesgedicht I-14082010

der himmel hängt uns voller
gitarren
und wir tanzen auf den gräbern
unserer gestorbenen tage
die waren sonne und süssblut

der friedhofsboden ist fruchtbar
wir sind gärtner
und pflanzen täglich bunte blumen
bäume wurzeln in den toten tagen
recken munter kräftige äste ins leben

abends hängt der himmel über uns
in tiefblauer stille
aus der erde tönen bassdrums
im rhythmus unseres herzschlags
und wir pulsieren ins universum

die friedhofswiese
hat ein bett für uns gemacht
aus immergrün und golderdbeere
und bevor wir mondbeschienen
darin schlafen
beten wir uns lächelnd an
und zeugen frische tage

(1. Fassung, für G.)

Dienstag, 3. August 2010

noch liegt die Handgranate im Schuhkarton / noch steht der Schuhkarton im Bücherregal (überleben)

die Wolkendecke reisst auf
jetzt fällt Sonne
auf den frühen Abend

und hier bei ihr im Garten
Kirschbaum und Sonnenblumen
Gänseblümchen und Löwenzahn
Amseln und Spatzen
Hund und Katz
Kaffee und Zigarette

hier bei ihr im Garten
herrscht vorläufig noch
Waffenstillstand

aber wenn sie demnächst
auf den Garten zumarschieren
die Soldaten
sie zu exekutieren

weil sie da sitzt und raucht
oder weil sie zu fett ist oder
zu faul oder weil sie
Gregor Gysi sexy findet

dann ist es endgültig zu spät
für friedliche Versuche
dann wird sie eine Handgranate
in die feindlichen Weichziele schleudern

Sonntag, 1. August 2010

untitled

ich denke,
also bin ich
auf & los in die nächste Kneipe
& töte das ab & sing fröhliche Lieder
am nächsten Tag
kommt Kopf zurück
- no way out

Montag, 5. Juli 2010

ein Sonntag ohne Sonne ist ein OhneSonntag [Aktion Schwanz]

### Prosa-Skizze zum Kurzroman "Aktion Schwanz" (vorläufiger Arbeitstitel) ###

Nach dem Duschen, Ela steht in der Diele, nackt vor dem hohen Spiegel, schaut sich an und kämpft mit einem Kotzreiz. Es ist nicht der Anblick ihres Körper an sich, der ihr Übelkeit verursacht. Ihr Körper ist weiblich wohlgeformt, ganz gut gehalten hab ich mich für meine Ende Dreissig, denkt Ela. Es ist nicht ihr Körper an sich. Es ist das, was dieser Körper hat, seit vorgestern abend, seit der Party bei einem Bekannten: Im Gesicht eine blutige, geschwollene Oberlippe. Und Hämatome, blutige Male unter der Haut, dunkelrotlila: Am Hals. An den Oberarmen. Am Becken. Zwischen den Oberschenkeln.
Und dieser Körper hat etwas, das der Spiegel nicht zeigt, hat etwas tief innendrin, das Ela mit Schmerzen den Unterleib zerfetzt und das Herz und die Hände krampfen und ihr Gesicht verzerrt sich.

DIESES KRANKE ARSCHLOCH!


weiterlesen? hier: "Aktion Schwanz" (pdf)

Montag, 21. Juni 2010

Morgenglück

das runde Hell am Horizont
steigt hoch und höher und
malt mir warm ein Lächeln aufs Gesicht

überm leise rauschenden Meer
schrein Möwen einen Traum von Ferne

in den Kronen der Bäume
singen frühe Vögel fröhliche Lieder

die Menschen schweigen
(noch)

ich trinke diesen Schönmoment
der geht mir süss und leicht ins Blut
mein Hirn durchsprudeln Endorphine
und ich freu mich,
dass ich bin

Sonntag, 13. Juni 2010

süsse Milch

an Morpheus lieg ich weich gekuschelt
mein Hirn fällt sanft in blaue Falten
und Himmel hängt mir voller Brüste
der tote Mutterbusen lebt nun wieder
in üppiger Blüte und prall gefüllt
er nährt mich satt mit süsser Milch
und ich ein Kind und schlafe fest
in Mutters Armen

Dienstag, 8. Juni 2010

Sonnige Sorte

sum sum di sumdi
sumdi sumdi sum
eine Biene summt mir um die Ohren

sitze müssig im wilden Klee
muss gar kein Vierblatt suchen:
dieser Tag ist von der sonnigen Sorte
und macht mir den Brustkorb hellwarm
die Welt ist himmelblau
in dieser Stunde
aus den Baumkronen singen Vögel
Lieder ohne Harm
rot und blau und gelb
Mohn und Korn und Butterblumen
tanzen leicht im weichen Wind
und die Menschheit
geht mir recht fröhlich am Arsch vorbei

sum sum di sumdi
sumdi sumdi sum
die Biene
erzählt mir von süssem Nektar
und ich schicke drei schöne Gedanken
zur ziehenden Wolke da oben
die soll mein Lächeln hin zum Liebsten tragen

dieser Tag ist von der sonnigen Sorte
und ich pfeif mir schief und schräg und laut
das Lied vom gelben Unterseeboot

anderswie & sonstnochso

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Das Literaturarchiv Marbach archiviert dieses digitale Notizbuch als ausgewählte Online-Publikation. Ziel des Projekts im Verbund mit der Dt. Schillergesellschaft ist es, der Wissenschaft relevante Netzliteratur langfristig zur Verfügung zu stellen.

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Kommentare

manchmal denk ich doch,...
manchmal denk ich doch, ja ;-)
notiertes - 19. Sep, 13:04
Dein Text erinnert mich...
Dein Text erinnert mich an meine Kindheit- auch ich...
bonanzaMARGOT - 7. Aug, 17:57
bitte entschuldigen Sie...
bitte entschuldigen Sie meine späte Reaktion- gesundheitsbedingt...
notiertes - 7. Aug, 17:50
:-)
:-)
abendGLUECK - 25. Feb, 10:45
jo. sehr sauber ;-) danke...
jo. sehr sauber ;-) danke fürs lesen und liebe grüsse!
notiertes - 27. Feb, 10:35

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